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Interview mit Yoga-Lehrer und Coach Mike Erler

„Ich bin überzeugt, dass alle Antworten schon da sind und wir nur die richtigen Fragen stellen müssen.“

„Indianer kennen keine Schmerzen“ – also Augen zu und durch? Vielen Männern fällt der Umgang mit den eigenen Empfindungen schwer. Mike Erler, Yogalehrer und Coach, hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, Männer für die Auseinandersetzung mit sich selbst zu begeistern. Warum es sich gerade für Männer lohnt, etwas für ihre mentale Gesundheit zu tun, und was Yoga damit zu tun hat, verrät Mike im Interview: 

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Yoga-Lehrer und Coach Mike Erler

Du machst Yoga-Classes und Coaching speziell für Männer. Warum fällt es gerade Männern so schwer, sich mit ihrer mentalen Gesundheit auseinanderzusetzen?

Das hat aus meiner persönlichen Einschätzung und Erfahrung heraus vor allem etwas mit der Erziehung zu tun und wie Jungs in der Kindheit an das Thema „Gesundheit“ herangeführt werden. Wenn man von Beginn an mit Sätzen wie „Männer weinen nicht!“, „Indianer kennen keine Schmerzen“ oder „Männer sind stark“ aufwächst und geprägt wird, dann ist es in Momenten der Schwäche oder Krankheit sehr schwer, achtsam und selbstreflektiert zu handeln. Im krassen Gegenteil dazu steht die Erziehung von sogenannten „Helikoptereltern“, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat: Den Kindern wird jedes noch so kleine Problem abgenommen. Dies kann dazu führen, dass die Jungs wenig bis gar keine Resilienz mehr haben und der Zugang zu sich selbst fehlt, da sich immer jemand anderes darum gekümmert hat. Auch hier ist es schwer, plötzlich selbstbestimmt, reflektiert und achtsam zu handeln. Da Mann von Haus aus eher nicht dazu neigt, sich mit anderen Männern über diese Themen auszutauschen, haben Männer das Gefühl, alleine zu sein und trauen sich nicht, darüber zu reden. Hinzu kommt die gesamte Gesellschaftsstruktur mit vorgegebenen Männerbildern, die es zusätzlich erschwert, dass Männer sich öffnen. 

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„Ich bin überzeugt, dass alle Antworten schon da sind und wir nur die richtigen Fragen stellen müssen. “

Mit welchen Sorgen und Problemen kommen die Männer zu dir?

Am Anfang ist es weniger eine „Sorge“ oder das „Problem“. Es ist eher der Wunsch nach mentaler Ruhe oder nach dem Ausgleich physischer Dysbalancen. Viele verspüren Druck aus verschiedenen Lebensbereichen (Familie, Job, Freizeit), können das aber nicht genau formulieren. Konkreter wird es erst nach einigen Stunden Yogapraxis, in denen ich immer die eine oder andere Geschichte aus meinem Leben erzähle. Dadurch angeregt kommt es dann zur Auseinandersetzung mit sich selbst und konkreten Fragestellungen, z. B. den Umgang mit Konfliktsituationen oder Krisen in der Beziehung. Es kommt alles Mögliche zum Vorschein. Sei es in der Gruppe, wenn sich auch alle anderen Männer mit ihren Erfahrungen einbringen, oder im Einzelcoaching, bei dem ich mithilfe von Fragen dazu anrege, Blickwinkel zu verändern, um Fragen eventuell um- oder neu formulieren und Antworten finden zu können. Ich bin überzeugt, dass alle Antworten schon da sind und wir nur die richtigen Fragen stellen müssen.

Was für Tipps gibst du den Männern dann mit? Wo setzt du an?

In der Regel gebe ich weder Tipps noch Antworten. Ich biete einen Raum, stelle Fragen und höre zu. 

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Welche Rolle spielt Yoga dabei?

Yoga spielt die zentrale Rolle! Dabei ist zu verstehen, dass Yoga mehr ist als ein Erlernen von Bewegungsabläufen. Es sollte nicht als Stretchingprogramm oder „Ich singe und bete ein wenig“ gesehen werden. Yoga als ganzheitliches System bietet so viel mehr, z. B. neben Atemschulung und Atemübungen auch die Meditation. Dadurch können wir wieder lernen, uns mit unserem wahren Ich zu verbinden. Das mag jetzt für den ein oder anderen zu esoterisch oder spirituell klingen. Wenn wir aber über (mentale) Gesundheit sprechen und diese ernsthaft angehen wollen, dann ist Yoga als Weg definitiv ein System, das eine Menge Tools an die Hand geben kann – und zwar genau die Menge, die du bereit bist abzurufen. Wenn das zu Beginn „nur“ der rein physische Aspekt ist, ist das super. Wenn es ein wenig „mehr“ sein darf, ein bisschen mehr atmen, sich über die Atmung besser fühlen, dann ist auch das super. Es ist toll, für einen Moment mal „mehr“ nach innen zu fühlen und zu lauschen. Beim Yoga ist für jeden Moment etwas da und das Schöne daran ist, dass das jeder selbst bestimmt. Letztendlich ist alles, was du im Außen bzw. auf körperlicher Ebene als Dysbalance wahrnimmst und auch auf mentaler Ebene (Erschöpfungserscheinung, Burn-out, Depression), ein Zeichen für dich, dass es in deinem tiefen Inneren ganz schön unruhig und die Zeit gekommen ist, etwas für dich zu tun.

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Wie steigt man am besten ein mit Yoga?

Setzt euch hin und sammelt Informationen darüber, wo und was für Angebote es gibt. Hört auf euer Bauchgefühl, ob es passen könnte und dann probiert es aus: Studios, Lehrer, schaut, was kompatibel ist. Und bloß nicht nach der ersten Stunde in den Sack hauen, weil es nicht gepasst hat. Das alles dauert seine Zeit, für jeden Topf gibt es einen Deckel.

Wie lässt sich Yoga am besten in den Alltag integrieren?

So wie alles, worauf man Lust hast. Sobald man sich für etwas begeistern kann, stellt sich die Frage nicht. Dieser Weg der „Heilung“ ist nicht einfach, aber niemand hat bei unserer Geburt gesagt, dass das Leben einfach ist. Wenn du bemerkst, dass der Lifestyle, den du momentan pflegst, nicht wirklich funktioniert und Yoga dir eine Menge Chancen eröffnet, können wir schauen, dass wir etwas für uns in den Alltag integrieren, das uns auf dem Weg zu mehr (mentaler) Gesundheit hilft.

 

Vielen Dank für das Interview, lieber Mike! 

Hier könnt ihr mehr zu Mike erfahren: https://www.mikeandmore.net/

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Videoreihe Mentaler Männer Mittwoch