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Ausgabe 04/2016
Familie 04/2016
Leeres Nest
© coward_lion / Thinkstock

Empty-Nest-Syndrom: Wenn Kinder flügge werden

Wenn das Kind auszieht, können sich viele Eltern nicht über die wiedergewonnene Freiheit freuen, sondern werden von Traurigkeit überrascht. Wissenschaftler beschreiben das als Empty-Nest-Syndrom. Wie kann man vorbeugen und wo gibt es Hilfe?

Keine laute Musik zu nachtschlafender Zeit und kein Streit mehr darüber, ob ein gemeinsames Abendessen noch zeitgemäß ist – stattdessen winken Ruhe, Ordnung und jede Menge Freiheit, wenn der Nachwuchs aus dem Elternhaus auszieht. So jedenfalls die Theorie. Doch wenn das Kind dann wirklich seine erste eigene Wohnung hat, löst das bei vielen Eltern statt Erleichterung plötzlich Trauer, Sehnsucht und Verlustängste aus. Dieses Phänomen wird als Empty-Nest-Syndrom bezeichnet. Die Heilpraktikerin und Familientherapeutin Bettina Teubert ist selbst Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie hat mit „Empty Nest MOMS“ Deutschlands erste und bislang einzige Selbsthilfegruppe für vom Empty-Nest-Syndrom betroffene Mütter gegründet. Wir haben sie dazu befragt.

Mobil-e: Frau Teubert, was macht es insbesondere für Mütter schwer loszulassen, wenn das Kind auszieht?

Bettina Teubert: Prinzipiell können Väter vom Empty-Nest-Syndrom genauso betroffen sein. In den meisten Familien sind es aber noch immer die Mütter, die überproportional für die Versorgung der Kinder zuständig sind und daher eine engere Bindung zu ihnen haben. Hinzu kommt, dass Mütter lebenszyklische Veränderungen stärker wahrnehmen. Viele von ihnen fühlen sich quasi in Rente geschickt. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Mütter in dieser Zeit oft in den Wechseljahren stecken. Es ist also eine Lebensphase, die viele Themen berührt, darunter auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit, mit der Pflegebedürftigkeit der eigenen Eltern und mit der Partnerschaft. Allerdings sind Eltern in dieser Phase meist auch sehr stolz auf ihre Kinder und darauf, wie sie ihr Leben in die Hand nehmen. Kein Wunder, dass diese gegensätzlichen Gefühle ein ganz schönes Gefühlschaos auslösen können. Psychologisch gesehen handelt es sich um eine Übergangsphase im Leben, die immer mit einer Krise verbunden ist. Krisen wiederum sind viel besser als ihr Ruf.

Mobil-e: Was ist denn an einer Krise positiv?

Bettina Teubert: Nur aus Krisensituationen heraus können wir uns weiterentwickeln. Wir neigen dazu, eine Phase nur als Krise zu werten, wenn wir in ihnen stecken bleiben. Lösen wir sie gut, vergessen wir die schlechten Seiten schnell. So ist es auch, wenn das Kind auszieht: Fühlen wir uns jetzt schlecht, so verwischt sich das, sobald sich ein neues Miteinander mit den Kindern, aber auch mit dem Partner oder der Partnerin einstellt.

Mobil-e: Und wie gehen Eltern am besten mit dieser Situation um?

Bettina Teubert: Aus Eltern wird nach dem Auszug der Kinder ja plötzlich wieder „nur“ ein Paar – und das ist eine besondere Herausforderung. Kinder großzuziehen ist die wohl größte Aufgabe im Leben eines Menschen. In dieser Phase geht oft unmerklich viel „Paarzeit“ verloren. So kann es sein, dass man sich nach vielen Jahren wieder zu zweit am Tisch gegenübersitzt und sich fragt: „Wer ist diese Frau oder dieser Mann eigentlich?“ Auch die Eltern haben sich in dieser Zeit ja weiterentwickelt, allerdings oft unbemerkt vom Partner und sich selbst. Meist ist ein Elternteil stärker betroffen und fühlt sich nicht genügend verstanden. Typisch, aber unangebracht sind dann Sprüche wie: „Nun hab dich mal nicht so, das Kind ist ja nicht tot, es ist nur ausgezogen.“ Hilfreicher ist ein wertschätzender Umgang miteinander. Es erfordert Mut, sich noch einmal aufeinander einzulassen und neu kennenzulernen. Manche Paare stellen am Ende fest, dass sie sich allzu sehr voneinander entfernt haben. Dann sollte auch eine Trennung nicht tabuisiert werden. Wir verzeichnen eine steigende Tendenz von Trennungen in dieser Lebensphase. Es lohnt sich aber immer, erstmal an der Beziehung zu arbeiten, schließlich haben hier zwei Menschen gemeinsam großartiges geleistet. Viel schwieriger ist es oft für Alleinerziehende. Nicht selten sind sie jetzt wirklich allein und müssen wieder neu erlernen, dass das auch Vorzüge bietet. In beiden Fällen kann eine lebensphasenbezogene Beratung hilfreich sein.

So lassen Sie das Empty-Nest-Syndrom hinter sich

Aus ihrer Praxis hat uns Bettina Teubert einige Tipps und Hilfestellungen verraten, die vom Empty-Nest-Syndrom betroffenen Müttern – aber auch Vätern – den Weg in den neuen Lebensabschnitt erleichtern können.

  • Zunächst einmal: Akzeptieren Sie die Situation, wie sie ist. Dazu gehört es auch, sich ein gewisses Maß an Traurigkeit zuzugestehen.
  • Seien Sie einfach mal stolz auf alles, was Sie als Mutter oder Vater geleistet haben.
  • Gerade Müttern fällt es nach all den Jahren des Organisierens für den Nachwuchs oft schwer, nach dem Auszug damit aufzuhören. Üben Sie sich bewusst darin, von der aktiven zur passiven Mutterschaft zu finden. Die passive Mutter ist immer noch Mutter, hat aber gelernt, die Kinder ein selbstbestimmtes Leben führen zu lassen. Bei Bedarf steht sie mit Rat und Tat zur Seite, aber ohne zu erwarten, dass der Nachwuchs alles auch genauso umsetzt. Ein schwieriger Prozess, der sich aber lohnt, da sich dadurch das Verhältnis zu den Kindern meist merklich entspannt. Und das entspannt uns dann auch selbst.
  • Suchen Sie das Gespräch mit anderen Frauen – vielleicht gibt es Mütter in Ihrem Umfeld, die Gleiches erleben oder schon hinter sich haben.
  • Wagen Sie es, nun auch wieder gut zu sich selbst zu sein. Vielen Frauen fällt eine solche Selbstfürsorge zunächst schwer. Suchen sie doch mal nach längst vergessenen Hobbys und Interessen. Wer waren Sie, bevor Ihre Kinder kamen?
  • Versuchen Sie, neue Rituale zu finden, auch und vor allem im Umgang mit Ihren Kindern. Denn auch diese wollen weiterhin einen engen und guten Kontakt zu ihren Eltern.
  • Haben Sie Geduld – wie alles Neue dauert es etwas, bis sich in Ihrem „neuen“ Leben eine gewisse Leichtigkeit einspielt. Denken Sie nur daran, wie schwer oft die ersten Wochen und Monate als Mutter waren.
  • Als Trost und Ermutigung bleibt: Schmerz und die Traurigkeit zeigen uns auch, dass wir die Zeit mit unseren Kindern genossen haben – trotz aller Schwierigkeiten. Fast immer finden wir in der neuen und auch ganz natürlichen Situation ein gutes, wertschätzendes Miteinander und bleiben eine Familie. Und liebe Mütter: Das Empty-Nest-Syndrom ist überstanden, wenn Sie das erste Mal auf eine Anfrage nach einem Treffen mit Ihren Kindern sagen: „Tut mir echt leid, aber da kann ich nun wirklich nicht.“
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Tipp

Eine Zeit der Traurigkeit und Sehnsucht nach dem Kind ist normal und kein Grund, einen Therapeuten aufzusuchen. Wer jedoch die Lust am Leben verliert, Freunde nicht mehr treffen will und sich von der Arbeit zurückzieht, sollte sich professionelle Hilfe suchen. Die Selbsthilfegruppe Empty Nest MOMS bietet Frauen, die unter dem Empty-Nest-Syndrom leiden, die Möglichkeit zum Austausch.

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