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Ausgabe 03/2018
Work & Life 03/2018
Titelbild_Perfektion

Warum Perfektionismus uns oft schadet

Selbstkritik ist nicht immer zielführend: Expertin Dr. Christine Brähler erklärt, wie wir mehr erreichen, wenn wir unseren Perfektionismus überwinden.

Perfektionisten haben weithin den Ruf, besonders zielstrebig und erfolgreich zu sein. Ein Irrtum, weiß Dr. Christine Brähler, Psychologische Psychotherapeutin und Autorin des Buches „Selbstmitgefühl entwickeln“. Sie ist überzeugt, dass ein liebevoller und nachsichtiger Umgang mit sich selbst nicht nur besser für Wohlbefinden und Gesundheit ist, sondern auch die Leistungsfähigkeit stärkt. Im Interview hat sie uns die Gefahren des Perfektionismus erläutert und Übungen verraten, wie wir diese ungesunde Sichtweise ablegen.

Psychologin Christine Braehler
Psychologin und Autorin Dr. Christine Brähler
© Tom Zilker

Mobil-e: Frau Dr. Brähler, was treibt uns überhaupt an zum Perfektionismus?

Dr. Christine Brähler:
In unserer Gesellschaft ist Leistung ein wichtiger Wert, der Glück, Zugehörigkeit und Beliebtheit verspricht. Aus Angst, im Beruf, in der Freizeit oder bezüglich unseres Aussehens nicht mit anderen mithalten zu können, neigen wir dazu, uns zu vergleichen und innerlich unter Druck zu setzen, mehr zu erreichen. Zudem suggeriert unsere Kultur, dass wir alles schaffen können, wenn wir uns nur genug anstrengen. Die Verantwortung für Erfolg und Misserfolg wird also vorwiegend beim Einzelnen gesehen. Ein Streben nach Verbesserung unserer Leistungen ist gesund, wenn es unabhängig von der Anerkennung durch andere und vom Status in der Gesellschaft ist. Problematisch wird es immer dann, wenn der Perfektionismus von einem Gefühl des Mangels angetrieben wird, wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Erst wenn ich dieses Ziel erreicht habe, bin ich etwas wert.“

Mobil-e: Warum beschleicht uns dieses Gefühl so oft?

Dr. Christine Brähler:
Das liegt an unserer angeborenen Negativitätstendenz. Aus evolutionärer Sicht ist es wichtig für das Überleben, Mängel oder Defizite schnell zu sehen. Perfektionismus verstärkt also unsere angeborene Negativitätstendenz. Leider geht damit oft einher, dass wir Momente, in denen wir etwas erreichen oder einfach alles okay ist, verpassen, da unsere Aufmerksamkeit nur auf den Mangel gerichtet ist. Wir laufen Gefahr, die eigenen Erfolge nicht mehr wahrzunehmen – geschweige denn zu genießen.

Mobil-e: Ist Perfektionismus heute weiter verbreitet als früher?

Dr. Christine Brähler:
Eine Meta-Analyse deutet auf einen klaren Anstieg des Perfektionismus bei Studenten während der vergangenen 30 Jahre hin.¹ In den USA waren die Studenten davon sogar noch mehr betroffen als in Kanada oder Großbritannien. Die Autoren der Studie führen das auf die hyper-individualistische Kultur in den USA zurück. Der „American Dream“ proklamiert, dass wir alles erreichen können, wenn wir uns nur genug anstrengen. Das ist befreiend, da es uns einlädt, unser volles Potenzial zu entfalten. Es kann jedoch den Nachteil haben, dass wir unsere Grenzen und Begrenztheit ausblenden und Menschenunmögliches von uns selbst verlangen.

Mobil-e: Welche Gefahren birgt eine solche Einstellung?

Dr. Christine Brähler:
Je mehr wir uns unter Druck setzen, „perfekt“ zu sein, desto unzufriedener werden wir. Wenn wir genau in uns hineinspüren, verbirgt sich dahinter meist die Angst, dass andere uns wegen unserer vermeintlichen Mängel ablehnen könnten. Bei manchen Menschen sitzt das Gefühl, nicht „gut genug“ zu sein, so tief, dass sie sich schämen und in ständiger Angst leben, von anderen ausgegrenzt zu werden. Daraus resultiert noch mehr Selbstverurteilung – ein regelrechter Kreislauf. Die Folge: Wir arbeiten, essen, analysieren, kontrollieren und reagieren übermäßig, es drohen Erschöpfung, Depressionen, Angst, Gewichts- und Beziehungsprobleme. Studien zeigen, dass diese Form des Perfektionismus dazu führt, dass wir tatsächlich weniger erreichen und unproduktiver sind.² Denn: Die Angst vor Fehlern und der daraus resultierende Stress schwächen unseren Organismus. Dadurch fühlen wir uns schon beim Gedanken an unser Ziel überfordert und schieben es vor uns her. Eine weitere negative Auswirkung ist, dass wir unsere hohen Erwartungen auf andere – beispielsweise Familienmitglieder oder Mitarbeiter – übertragen und diese dann kritisieren oder gar bedrängen.

Mobil-e: Was haben wir davon, auch mal nachsichtig mit uns selbst zu sein?

Dr. Christine Brähler:
Der Wunsch nach Anerkennung durch andere existiert in jedem Menschen. Wenn wir unser Handeln jedoch ausschließlich an diesem Wunsch ausrichten, werden wir schnell enttäuscht. Kritik oder ausbleibendes Lob führen zu Unzufriedenheit mit uns selbst. Zu lernen, sich selbst für durchschnittliche Eigenschaften und Leistungen wertzuschätzen, und sein Handeln nach den eigenen Wertvorstellungen auszurichten, kann uns helfen, unabhängiger von der Anerkennung durch andere und damit zufriedener zu werden. Studien zeigen, dass eine solche selbstmitfühlende Haltung mit Zufriedenheit und gesundem Selbstvertrauen einhergeht. Das Paradoxe dabei: Menschen mit mehr Selbstmitgefühl behalten die gleichen hohen Standards bei wie Menschen, die unter Perfektionismus leiden. Der Unterschied liegt jedoch in der Art und Weise, wie die Personen sich selbst sehen und innerlich motivieren. Studien zeigen: Menschen mit mehr Selbstmitgefühl haben weniger Angst vorm Scheitern – und geschieht es doch, bemühen sie sich stärker und nachhaltiger, ihr Ziel weiter zu erreichen.³ Der Trick ist also aufzuhören, gegen sich anzukämpfen, und sich so anzunehmen, wie man gerade ist – mit allen Stärken und Schwächen.

Perfektionismus ablegen und den eigenen Wert erkennen

Seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen besser wahrzunehmen, kann man lernen. Dr. Christine Brähler hat uns hierzu vier Übungen verraten.

1. Die Weisheit des Körpers spüren
Wenn wir in Grübeleien und Sorgen verstrickt sind, dann spüren wir unseren Körper meist nicht. Er gibt uns jedoch wichtige Signale – beispielsweise Müdigkeit, wenn wir uns überfordert haben, oder Druck, der uns auf der Brust sitzt, wenn wir unter Stress leiden. Übungen wie der sogenannte „Body Scan“ können helfen, diese Signale schneller wahrzunehmen, und sich dann zu fragen, wie es einem geht und was man wirklich braucht.

2. Bewusst dankbar sein
Man kann unserer Negativitätstendenz recht einfach entgegenwirken, indem man das Augenmerk auf alltägliche Dinge lenkt, für die man dankbar ist. Denken Sie an zehn Dinge, für die Sie heute dankbar sind. Sonnenschein, fließendes Wasser, Kaffee, Knöpfe, Licht, ein Lächeln der Verkäuferin usw. Wie fühlen Sie sich jetzt? Die meisten bemerken, dass wir gar nichts Besonderes brauchen, um uns zufrieden und erfüllt zu fühlen.

3. Eigene Grundwerte entdecken
Was uns Menschen unglücklich macht, ist das eigene Leben nach den Zielen anderer auszurichten. Wir leben sozusagen nicht unser eigenes Leben und sind darüber hinaus von der Anerkennung anderer abhängig. Wie wäre es, sich stattdessen folgende Frage zu stellen: Was ist mir in meinem Leben wirklich wichtig? Wofür brennt mein Herz? Nach welchen Werten will ich mein restliches Leben ausrichten?

4. Selbstwertschätzung wahrnehmen
Gibt es Eigenschaften, die Sie an sich selbst mögen – ganz ohne die Anerkennung durch andere und ohne zwangsläufig außerordentlich gut darin zu sein? Denken Sie beispielsweise an Ihren Humor, Ihre Offenheit oder Ihre Leidenschaft fürs Kochen – und dann nehmen Sie eine dieser Eigenschaften und fragen sich, wer dazu beigetragen hat, diese Eigenschaft in Ihnen zu fördern. Vielleicht freuen Sie sich für einen Moment über Ihre Gaben und lassen sich ganz Mensch sein, mit ganz durchschnittlichen Stärken und Schwächen, die trotzdem bereichernd sein können: „Ich mag zwar nicht perfekt sein, aber Teile von mir sind ausgezeichnet – an guten Tagen!“

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