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Ausgabe 03/2018
Gesundheit 03/2018
Seniorin mit Demenz sucht in Erinnerungen
© PeopleImages / Getty Images

Demenz: Anzeichen frühzeitig erkennen

Eines Tages an Demenz zu erkranken, ist für viele Menschen ein beängstigender Gedanke. Doch was sind tatsächlich Symptome, wann sollte man zum Arzt – und lässt sich einer Erkrankung vorbeugen? Wir haben den Experten Dr. Jürgen Lange gefragt.

Wie beginnt Demenz? Viele Menschen sind beunruhigt, wenn sie dem Enkel ein Kinderlied vorsingen möchten und sich nicht mehr an den Text erinnern oder den Namen der neuen Nachbarin immer wieder vergessen – doch ist das schon ein erstes Anzeichen für eine Erkrankung? Dr. Jürgen Lange, Facharzt für Psychiatrie und klinische Geriatrie in Hamburg, hat uns im Interview verraten, was typische Symptome einer Demenz sind, wie sie sich im Anfangsstadium erkennen lässt und ob es Möglichkeiten zur Vorbeugung gibt.

Mobil-e: Herr Dr. Lange, was unterscheidet eine Demenzerkrankung von „normaler“ Altersvergesslichkeit?

Dr. Jürgen Lange: Zunächst einmal ist es schwierig zu definieren, was „normale“ Altersvergesslichkeit ist. Belegbar ist, dass mit zunehmendem Alter die sogenannte fluide Intelligenz abnimmt: Wir benötigen mehr Zeit, um Situationen zu verstehen und uns ihnen anzupassen – man könnte auch sagen, die Auffassungsgabe schwindet. Gleichzeitig wird jedoch die kristalline Intelligenz im Laufe des ganzen Lebens weiter aufgebaut. Hierzu gehören beispielsweise die Allgemeinbildung, aber auch Erfahrungen und Erinnerungen. Bei einem gesunden Menschen kann die kristalline Intelligenz die Einbußen im Bereich der fluiden Intelligenz kompensieren. Bei einer Demenz verhält es sich anders: In diesem Fall sind organische Veränderungen im Gehirn dafür verantwortlich, dass intellektuelle Funktionen wie Gedächtnis oder Sprache verloren gehen. Davon sind beide Arten der Intelligenz gleichermaßen betroffen. Völlig normal ist es also, dass es uns mit der Zeit schwerer fällt, uns zu erinnern – wobei der Zugang zu den Erinnerungen noch vorhanden ist. Anders ist es bei einer Demenz, bei der die Erinnerungen nach und nach verschwinden.

Mobil-e: Was sind typischerweise Anzeichen für eine Demenz im Anfangsstadium?

Dr. Jürgen Lange: Eine demenzielle Veränderung betrifft zunächst vor allem das Kurzzeitgedächtnis. Typisch ist es zum Beispiel, dass man immer wieder dasselbe erzählt, weil man vergessen hat, dass man es bereits gesagt hat. Auch wenn sich jemand überhaupt nicht mehr daran erinnert, dass am vergangenen Sonntag die Tochter zu Besuch war, ist das ein erstes Alarmsignal. Häufig fallen Betroffenen auch plötzlich Alltagshandlungen schwer und sie vergessen, wie die Fernbedienung des Fernsehers funktioniert. Im weiteren Krankheitsverlauf sind Orientierungsprobleme in eigentlich bekannter Umgebung und Wortfindungsstörungen ganz typische Symptome.

Mobil-e: Wer bemerkt solche Veränderungen in der Regel eher – die Betroffenen oder ihre Angehörigen?

Dr. Jürgen Lange: Meist stellen die Betroffenen sie zunächst selbst an sich fest. Die Reaktionen können dann ganz unterschiedlich sein. Einige wollen die Symptome nicht wahrhaben und versuchen, sie auch vor anderen zu vertuschen. Die Folge ist oft ein sozialer Rückzug. Man geht dann zum Beispiel nach Jahrzehnten plötzlich nicht mehr zum Kegeln oder Skatspielen, damit niemand etwas merkt. Das ist umso fataler, da mangelnder sozialer Austausch das Fortschreiten der Krankheit beschleunigen kann. Andere Betroffene sind bei den kleinsten Anzeichen von Vergesslichkeit extrem besorgt und suchen verschiedene Ärzte auf, weil sie überzeugt sind, an Demenz zu leiden. Dieser offensive Umgang mit den Symptomen kann aber auch auf eine Depression hindeuten – der Arzt ist dann in der Lage, dies anhand bestimmter Indizien zu differenzieren. Oft gehen Demenz und Depressionen auch miteinander einher.

Mobil-e: Was sollte man tun, wenn man Anzeichen für eine Demenz erkennt?

Dr. Jürgen Lange: Der erste Anlaufpunkt sollte immer der Hausarzt sein. Dieser kennt den Patienten sowie seine Vorerkrankungen und versteht sich in der Regel auch auf die Demenzdiagnostik. Neben der Besprechung der Symptome werden dann verschiedene Untersuchungen und Tests durchgeführt, die gegebenenfalls sogar darauf hindeuten, welcher Bereich des Gehirns von der Krankheit betroffen ist. Nicht vergessen sollte man jedoch, dass auch andere Krankheiten wie zum Beispiel eine Schilddrüsenstörung die Gedächtnisleistung negativ beeinflussen können. Mit Behandlung der Grunderkrankung funktioniert dann meist auch das Gehirn wieder besser. Ebenso ist es möglich, bei der häufigsten demenziellen Veränderung, der Alzheimer-Krankheit, den Verlauf mithilfe von Medikamenten zu verzögern. Aus all diesen Gründen ist es so wichtig, bei den ersten Anzeichen zum Arzt zu gehen.

Mobil-e: Kann man sein Gedächtnis trainieren und so einer Demenzerkrankung vorbeugen?

Dr. Jürgen Lange: Auf jeden Fall. Generell kann man sagen, dass ein gesunder Lebensstil der Vorbeugung gegen Demenz dient. Dazu gehören eine gesunde, vitaminreiche Ernährung mit viel Gemüse und Fisch, die Vermeidung von Übergewicht, aber auch die Behandlung von Bluthochdruck. Aktuelle Studien zeigen, dass ein hoher Blutdruck im mittleren Lebensalter das Demenzrisiko in die Höhe treibt.1 Ganz wichtig ist zudem körperliche und geistige Aktivität. Dazu gehören den körperlichen Möglichkeiten angepasste Bewegung, aber auch neue Aufgaben, bei denen das Gehirn gefordert ist. Super ist zum Beispiel, eine neue Sprache zu lernen oder einen Computerkurs zu machen. Kreuzworträtsel zu lösen ist gut, aber wenn ich das 20 Jahre lang gemacht habe, kann ich es. Wirkungsvoller ist es dann beispielsweise, Zahlenrätsel auszuprobieren. Einen ähnlichen Effekt haben auch soziales Engagement sowie generell soziale Kontakte, bei denen ich mit unbekannten Situationen oder Menschen umgehen muss. So bleibt der Geist immer in Bewegung.

Mobil-e: Gibt es auch spezielle Übungen, die man in seinen Alltag integrieren kann?

Dr. Jürgen Lange: Ja, und ich würde sie jedem Menschen empfehlen – spätestens bei Eintritt in den Ruhestand. Wichtig ist jedoch, dass solche Übungen ausschließlich zur Vorbeugung dienen. Ist man bereits an einer Demenz erkrankt, sollte man sie nicht machen, da sie einem dann lediglich die eigenen Defizite immer wieder vor Augen führen – und das hat eher einen negativen Effekt. Allen anderen Personen rate ich jedoch, Körper und Geist regelmäßig zu beanspruchen – und das am besten gleichzeitig. Wer einen Partner hat, kann zum Beispiel morgens beim Frühstück gemeinsam die Zeitung lesen, dann abräumen und anschließend bei einem Spaziergang über das Gelesene sprechen – wir haben so die Aufnahme neuer Informationen, die Möglichkeit, diese zu verarbeiten, und den Austausch darüber. Wer alleinstehend ist, könnte stattdessen während des Einkaufens die Preise der Lebensmittel im Kopf addieren – und hat an der Kasse dann gleich die Erfolgskontrolle. Mit solchen einfachen Übungen lässt sich bei ganz alltäglichen Verrichtungen das Gehirn effektiv trainieren. Je früher wir damit anfangen, desto besser.

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