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Ernährung 02/2017
Haende waegen ab zwischen Schololade und Apfel
© Chris Ryan / Getty Images

Übersäuerung: Mythos oder Volkskrankheit?

Wer unter Sodbrennen und Müdigkeit leidet, hält sich oft für übersäuert. Basische Lebensmittel sollen den Säure-Basen-Haushalt des Körpers wieder ausgleichen. Was ist dran an diesem Konzept? Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Remer klärt auf.

Der Begriff Übersäuerung ist seit einigen Jahren in aller Munde. In jeder Drogerie findet man Basenpulver und in vielen Zeitschriften Rezepte für die basische Ernährung. Prof. Dr. Thomas Remer forscht an der Universität Bonn zum Säure-Basen-Haushalt. Wir haben ihn gefragt, was es damit auf sich hat und wie wahrscheinlich es ist, dass der Körper übersäuert.

Mobil-e: Herr Prof. Remer, was versteht man unter einer Übersäuerung?

Prof. Dr. Thomas Remer: Als Übersäuerung oder Azidose bezeichnet man eine Störung im Stoffwechsel, bei der der Säuregehalt im Blut ansteigt, also mehr H+-Ionen vorhanden sind als üblicherweise bei einem gesunden Menschen. Gemessen wird dies als pH-Wert im Blut: Je niedriger der pH-Wert, desto größer die Menge an sauer wirkenden H+-Ionen. Bei pH-Werten unterhalb von 7,35 sprechen die Ärzte von einer Azidose. Typischerweise geht ein Anstieg der Säure-Ionen mit einer Verringerung des sogenannten Bikarbonats einher, also des Bestandteils im Blut, der die Säure-Ionen abpuffert und somit unwirksam macht.

Mobil-e: Was sind die Ursachen für solch eine starke Übersäuerung?

Prof. Dr. Thomas Remer: Häufig sind krankhafte Veränderungen im Stoffwechsel für eine Übersäuerung verantwortlich. Diese können zum Beispiel bei Nierenerkrankungen oder Diabetes auftreten. Auch bei Gesunden beobachtet man regelmäßig Veränderungen im Säure-Basen-Haushalt. Sie werden meist durch die Ernährung ausgelöst. Allerdings bewirken verschiedene Ernährungsformen üblicherweise keine klassische Azidose, sprich keinen stark verminderten pH-Wert im Blut, sondern nur geringgradige Veränderungen.

Mobil-e: In den Medien liest man oft von einer chronischen Übersäuerung – was ist damit gemeint?

Prof. Dr. Thomas Remer: Der Begriff chronische Übersäuerung wird vor allem in der Naturheilkunde und in der Komplementärmedizin verwendet. Damit ist in der Regel nicht die akute Azidose gemeint, sondern eine leichte, im Blut nur schwer nachweisbare Verschiebung des pH-Werts und des Bikarbonatpuffers hin zu geringfügig niedrigeren, noch im Normalbereich liegenden Werten.

Mobil-e: Wie bemerkt man sie?

Prof. Dr. Thomas Remer: Man selbst bemerkt diese leichte Form einer Übersäuerung zunächst gar nicht, allerdings besteht die Gefahr von Langzeitfolgen. So können bestimmte Harn- oder Nierensteine entstehen, der Blutdruck kann sich erhöhen, die Knochenmasse und -mineralisierung können deutlich leiden, wodurch das Osteoporoserisiko steigt. Mit großer Wahrscheinlichkeit erhöhen sich die Harnsäureblutspiegel und das innere hormonelle Milieu verändert sich in Richtung Katabolismus, also hin zu etwas mehr Körperabbau.

Mobil-e: Können wir eine Übersäuerung durch basische Ernährung verhindern?

Prof. Dr. Thomas Remer: Tatsächlich lässt sich der Säure-Basen-Haushalt durch die Ernährung gezielt beeinflussen. Wie stark sich die Ernährung niederschlägt, hängt von der Nierenfunktion ab: Je besser sie ist, umso geringer sind die Negativkonsequenzen einer säurelastigen Ernährung. Da sich die Nierenfunktion bei vielen Menschen im Alter verschlechtert, kommt dem Säure-Basen-Haushalt und seiner Beeinflussung durch die Ernährung mit zunehmendem Alter eine wachsende Bedeutung zu.

Mobil-e: Welche Lebensmittel sind besonders säurelastig, welche wirken basisch?

Prof. Dr. Thomas Remer: Besonders säurelastig sind sehr protein- und/oder phosphorreiche Lebensmittel, zum Beispiel viele Käsesorten, Eier, Fisch und Fleisch, aber auch verschiedene Getreideprodukte. Da sie zugleich viele wichtige Nährstoffe enthalten, sollte man ihren Verzehr jedoch auf keinen Fall zu stark einschränken. Vielmehr ist es wichtig, für einen angemessenen Ausgleich zu sorgen, sprich auch reichlich Lebensmittel mit einem ausgeprägten alkalisierenden Potenzial zu verzehren. Damit wird die Säurelast regelrecht abgepuffert. Alkalisierend wirken fast ausschließlich pflanzliche Lebensmittel. Beim Obst sind es vor allem Äpfel, Birnen, Kiwis, Bananen, Weintrauben, Orangen, Zitronen und besonders Trockenfrüchte, beim Gemüse verschiedene Kohlsorten, Möhren, Tomaten, alle grünen Blattgemüse und Salate sowie Kartoffeln einschließlich der Süßkartoffel.

Mobil-e: Beeinflussen Stress und Bewegung auch den Säure-Basen-Haushalt?

Prof. Dr. Thomas Remer: Länger bestehender Stress hat, etwa in Bezug auf Knochenstabilität und Blutdruck, in vielerlei Hinsicht ähnliche Auswirkungen wie eine hohe Säurebelastung durch die Ernährung. Angemessener Sport und Bewegung wirken prinzipiell in die gleiche Richtung wie eine alkalireiche Ernährung.

Mobil-e: Was ist von Basenkuren in Form von Tabletten und Pulvern zu halten?

Prof. Dr. Thomas Remer: Im Großen und Ganzen ist meiner Meinung nach von diesen Produkten nichts oder nicht viel zu halten. Die natürlichen Lebensmittel verrichten ihren Job in aller Regel viel besser. Lediglich in besonderen Situationen – zum Beispiel bei einer Obstunverträglichkeit – kann es manchmal sinnvoll sein, alkalisierende Mineralstoffpräparate einzunehmen.

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