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Work & Life 02/2017
Wartende Menschen ueben sich in Geduld
© Xavier Arnau / Getty Images

Mit Geduld mehr erreichen

Geduldige Menschen sind oft erfolgreicher und gesünder als ungeduldige Zeitgenossen – das ist wissenschaftlich erwiesen. Woran das liegt und ob man Geduld lernen kann, hat uns der Verhaltensökonom Prof. Dr. Matthias Sutter im Interview erläutert.

Das bestellte Buch steckt am nächsten Tag im Briefkasten, die neue TV-Serie ist kurz nach der Ausstrahlung schon online verfügbar und innerhalb weniger Stunden bringt uns das Flugzeug ans andere Ende der Welt: Auf etwas zu warten ist heute kaum noch notwendig – und doch hat es Vorteile, sich ab und zu in Geduld zu üben. Warum das so ist, beleuchtet der renommierte Verhaltensökonom Prof. Dr. Matthias Sutter in seinem Buch „Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent “. Im Gespräch hat er uns verraten, was man mit mehr Geduld im Leben alles erreichen kann, welche Faktoren diese Fähigkeit beeinflussen und ob sich Ungeduld in den Griff bekommen lässt.

Mobil-e: Herr Prof. Sutter, was ist eigentlich Geduld?

Prof. Dr. Matthias Sutter: In der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung versteht man unter dem Begriff Geduld ein zukunftsorientiertes Handeln beim Abwägen zwischen der Gegenwart und der Zukunft. Lassen Sie mich das einfach veranschaulichen: Bei der Entscheidung zwischen 100,00 Euro heute oder 101,00 Euro in einem Monat würde ein geduldiger Mensch die 101,00 Euro in einem Monat nehmen. Das trifft Untersuchungen zufolge auf rund 30 % der Menschen zu. Allgemein gesprochen bedeutet Geduld also, dass man der Versuchung widersteht, die kleinere Belohnung sofort zu nehmen, und stattdessen auf das größere Ziel in der Zukunft wartet beziehungsweise hinarbeitet. Ein schönes afrikanisches Sprichwort fasst das so zusammen: „Geduld ist ein Baum mit bitteren Wurzeln, der süße Früchte trägt.“ Die „bitteren Wurzeln“ beziehen sich auf die Zurückhaltung und Selbstkontrolle, um der Versuchung zu widerstehen. Die „süßen Früchte“ sind die besseren Möglichkeiten in der Zukunft.

Mobil-e: Haben Geduld und Ungeduld Konsequenzen für den Lebensweg?

Prof. Dr. Matthias Sutter: Die Forschung der letzten Jahre und Jahrzehnte in der Psychologie und Ökonomie zeigt, dass Geduld und Ungeduld große Auswirkungen auf den Lebensweg haben. Kurz gesagt, geduldige Menschen sind im späteren Leben mit höherer Wahrscheinlichkeit besser gebildet, verdienen mehr Geld und sind gesünder. Es gibt auch Studien, denen zufolge ungeduldige Menschen mit wenig Selbstkontrolle statistisch gesehen häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Ich möchte aber betonen, dass die Forschung hier von statistischen Zusammenhängen und damit Wahrscheinlichkeiten spricht. Es ist also nicht so, dass ein ungeduldiger Mensch automatisch weniger Erfolg im Leben hat. Aber jemand mit mehr Geduld und Ausdauer schließt beispielsweise seine Ausbildung mit höherer Wahrscheinlichkeit ab, was dann im Beruf bessere Möglichkeiten eröffnet und letztlich im Schnitt zu einem höheren Einkommen führt.

Mobil-e: Welche Faktoren beeinflussen denn, ob ein Mensch geduldig ist?

Prof. Dr. Matthias Sutter: Ein sehr wichtiger Faktor ist das Umfeld, insbesondere die Verlässlichkeit des familiären und beruflichen Umfelds sowie das Verhalten, das jemand bei engen Bezugspersonen sieht. Mehrere Studien zeigen übereinstimmend, dass geduldigere Eltern geduldigere Kinder haben. Das kommt daher, dass solche Kinder ein bestimmtes – geduldigeres – Verhalten bei ihren Eltern sehen und selbst verinnerlichen. Gleichzeitig ist aber auch Verlässlichkeit wichtig. Verspricht man einem Kind etwa eine kleine Belohnung, wenn es eine Sache geduldig zu Ende bringt, dann muss sich das Kind darauf verlassen können, dass am Ende auch die kleine Belohnung überreicht wird. Solche Verlässlichkeit fördert Ausdauer und Geduld, weil sie einen Verstärkungsprozess anstößt. Das gilt übrigens auch im Berufsleben: Wenn Vorgesetzte ihre Mitarbeiter zu langfristigem Denken und Handeln anregen wollen, so muss dieses Denken auch später als richtig bestätigt werden.

Mobil-e: Das heißt also, dass man Geduld lernen kann?

Prof. Dr. Matthias Sutter: Neueste Forschungsergebnisse legen das nahe. So wurden etwa in einer Interventionsstudie in Schulen acht- bis zehnjährige Kinder mithilfe sogenannter Szenariotechniken unterrichtet. Sie sollten sich zum Beispiel vorstellen, dass sie für ein neues Fahrrad lange sparen müssten, in dieser Zeit aber kein Geld für Kleinigkeiten wie Eis oder Kino ausgeben dürften. Alternativ könnten sie die Kleinigkeiten kaufen, aber hätten dann am Schluss kein Geld für das Fahrrad. Dann sollten die Kinder überlegen, wie sie sich bei der jeweiligen Option fühlen und welche Vor- und Nachteile sie dabei sehen würden. Solche Übungen haben dazu geführt, dass diese Kinder bei der Wahl zwischen 10,00 Euro heute und 11,00 Euro in der Folgewoche deutlich häufiger den höheren Betrag eine Woche später wählten – und zwar nicht nur direkt nach Abschluss der mehrwöchigen Unterrichtseinheiten, sondern auch zwei bis drei Jahre später.

Mobil-e: Haben Sie Tipps, wie man Geduld trainieren kann?

Prof. Dr. Matthias Sutter: Auf jeden Fall hilft es, das eigene Ziel im Auge zu behalten. Häufig ist das Üben von Geduld ja mühsam, weil man nicht vorwärtskommt bei einer Sache. Dann ist die Versuchung oft groß, die Sache aufzugeben oder abzubrechen. Das passiert weniger häufig, wenn man weiß, wofür man sich anstrengt und warum die Geduld sich am Ende auszahlt. Anderen Menschen hilft es, wenn sie sich selbst ein wenig überlisten. Eine Person hat mir mal erzählt, dass sie von September bis Juni monatlich einen kleinen Betrag auf ein Urlaubssparbuch überweist und den Gesamtbetrag dann im Juli abhebt, um ihn für gutes Essen im Urlaub auszugeben. Auf meine Rückfrage, warum sie dafür ein separates Sparbuch verwende, meinte sie, dass das notwendig sei, weil sie sonst das ganze Geld auf dem normalen Konto bis zum Monatsende aufbrauchen würde. Das Geld auf dem Urlaubssparbuch rühre sie aber nicht an, was ihr beim Sparen für den Urlaub helfe.

Tipps für mehr Geduld im Alltag

Von Selbstbeobachtung bis hin zu geschickter Planung: Was können Sie noch tun, um Ihre Geduld zu trainieren und die Ungeduld in den Griff zu bekommen?

  • Versuchen Sie, sich nicht über die eigene Ungeduld zu ärgern – das verursacht nur noch mehr Stress.
  • Machen Sie sich bewusst, in welchen Situationen Sie die Ungeduld besonders plagt, um gezielt daran zu arbeiten.
  • Beobachten Sie, ob Ihre Ungeduld Sie tatsächlich schneller ans Ziel bringt oder lediglich für negative Gefühle sorgt.
  • Akzeptieren Sie, dass es äußere Einflüsse gibt, die Sie nicht so schnell wie geplant ans Ziel kommen lassen. Nicht alle können Sie beeinflussen.
  • Nutzen Sie vermeintlich verlorene Zeit bewusst für andere Dinge. Bei der Arbeit können Sie vielleicht eine weitere Aufgabe erledigen, falls sie bei einer anderen gerade nicht vorankommen – und in der Schlange an der Kasse genießen, dass Sie die seltene Gelegenheit zum Träumen haben.
  • Vermeiden Sie Zeitdruck, indem Sie nach Möglichkeit bei Ihren Aufgaben und Projekten von vornherein Zeitpuffer einplanen.
  • Legen Sie für größere Projekte Teilziele fest – so haben Sie immer wieder Erfolgserlebnisse und sind nicht nur auf ein einziges, fernes Ziel fokussiert.
  • Erinnern Sie sich an Aufgaben, die Sie mit Geduld erfolgreich gelöst haben – so bekommen Sie Kraft und Mut, weiter am Ball zu bleiben.
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