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Ausgabe 01/2020
Familie 01/2020
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© Getty Images

Warum Sie Ihren Kindern vorlesen sollten …

… auch wenn diese es schon selbst können. Ein Interview mit Kinderbuchautorin Kirsten Boie über den Unterschied von Lesen und Textverständnis, die Fragen, welche Rolle digitale Medien beim Lesen lernen spielen, und warum Bücher Kinder stark machen.

Interview_Kirsten_Boie
Kirsten Boie, Jahrgang 1950, arbeitete zunächst als Lehrerin. Seit 34 Jahren schreibt sie erfolg-reich Kinder- und Jugendliteratur. In Anbetracht des schwindenden Leseverständnisses deut-scher Grundschüler initiierte sie die Petition „Jedes Kind muss lesen lernen“. Zuletzt erschien „Thabo und Emma“.
© Indra Ohlemutz

Ob „Ritter Trenk“, „Die Kinder aus dem Möwenweg“ oder „Skogland“ – wer Kinder hat, egal welchen Alters, kommt um die Bücher von Kirsten Boie nicht herum. Die Hamburger Autorin, die gerade zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt ernannt wurde, engagiert sich seit Jahren für mehr Lesekompetenz bei Grundschulkindern. Aufgerüttelt durch die schwachen Leseleistungen deutscher Schüler in der IGLU-Studie 2016 startete die ehemalige Lehrerin die Onlinepetition „Jedes Kind muss lesen lernen“. Wir haben sie gefragt, warum heute so viele Kinder Texte nicht mehr richtig lesen und verstehen können. Und wie Eltern auch kleine Lesemuffel für das Lesen begeistern.

Frau Boie, 2016 zeigte die IGLU-Studie, dass 18,9 %1 aller Kinder in Deutschland am Ende der Grundschule nicht sinnentnehmend lesen können, das heißt, dass sie die Texte, die sie lesen, nicht verstehen. Bei der letzten PISA-Studie 2019 waren es sogar 21 % der 15-Jährigen2. Ihre Petition „Jedes Kind muss lesen lernen“ hat bereits 120.000 Unterstützer. Was glauben Sie, warum es zu diesem Rückgang des Leseverstehens gekommen ist? Hat der Unterricht an Qualität verloren oder bringen die Kinder eine geringere Vorbildung von zu Hause mit?

Kirsten Boie: Letzteres. Den Lehrern darf man keine Vorwürfe machen. Die arbeiten hart und tun, was sie können, aber ganz entscheidende Weichen werden in der Zeit vor der Schule gestellt. Dabei spielt die Sprachfähigkeit eine Rolle. Wenn Kinder in die Schule kommen und einen zu geringen Wortschatz haben, können sie einen Text nicht schnell genug entschlüsseln. Wer ein Wort nicht kennt, kann es nicht lesen. Genauso ist es bei Satzstrukturen, wenn die Kleinen nur ganz einfache Sprache gewöhnt sind. Ein Text kann aus komplexeren Sätzen mit Nebensätzen oder aus längeren Sätzen bestehen. Damit kann nur umgehen, wer es auch kennt. Die Sprachfähigkeit bei der Einschulung ist ein ganz, ganz wichtiger Faktor. Deutschlandweit sind es 25 %3 der Kinder, die zu diesem Zeitpunkt einen Sprachförderbedarf haben.

Es fehlen aber noch weitere Vorläuferfähigkeiten, wie z. B. die Frustrationstoleranz. Wie das zustande kommt, darüber kann ich nur spekulieren. Wenn wir schauen, welches Medienportal von Kindern hauptsächlich genutzt wird, ist das meistens YouTube.

"Lesen lernen ist schwerer als ein YouTube-Video zu starten."

Das sind visuelle Geschichten, die keine Hürden aufbauen und leicht zugänglich sind: Gefällt ein Film nicht, kann ein Kind ihn ganz einfach beenden. Genauso geht es mit den digitalen Spielen: Kommt das Kind an eine Grenze, schaltet es einfach ab. Es braucht keine Frustrationstoleranz. Wohl aber zum Lesen lernen, denn das ist im Vergleich zu den digitalen Möglichkeiten langwierig und schwierig.

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© Getty Images

Dabei war das Angebot an tollen Büchern und Geschichten für Erstleser noch nie so abwechslungsreich. Es gibt Detektivgeschichten, Abenteuergeschichten, Reihen im Comic-Stil – an der Auswahl kann die verminderte Lesebegeisterung nicht liegen. Woran dann?

Kirsten Boie: Es ist nicht nur, aber sicherlich auch eine Frage der Motivation. Die Motivation, lesen zu können, ist heute nicht mehr so groß. Das war früher anders: Da gab es kein Fernsehen und erst recht keine digitalen Medien. Wollte man aus dem Alltag heraus und was Spannenderes erleben, gab es nur Geschichten. Deshalb wollte man in meiner Generation noch unbedingt lesen lernen. Das braucht es heute nicht mehr. Zudem wird die Lesefähigkeit, die ganz hoch entwickelt sein muss, bevor ein Kind überhaupt Spaß am Lesen hat, häufig zum Problem. Dazu kommen dann noch die Erwartungen der Erwachsenen. Viele Eltern denken, wenn ein Kind einem etwas vorlesen kann, dann weiß es, was es da liest. Oft heißt es dann: „Der kann doch jetzt lesen, das weiß ich genau, dann soll er jetzt selbst lesen.“ Diesen Satz hört man übrigens auch von Eltern, die zuvor immer vorgelesen haben.

"Lesen können ist nicht das Gleiche wie Textverständnis."

So einfach ist das leider nicht. Nur weil ein Kind Buchstaben zusammenziehen kann, bedeutet es nicht, dass es einen Text auch versteht. Das liegt unter anderem daran, dass das Kurzzeitgedächtnis, wenn jemand langsam liest, nicht alles speichern kann. Dann ist der Satzanfang aus dem Kurzzeitgedächtnis schon wieder rausgefallen, wenn der Schluss reinkommt. Und wenn man etwas nicht versteht, das kennt man von sich selbst, hat man auch keinen Spaß daran.

Also ist auf der einen Seite die Lesefähigkeit entscheidend und auf der anderen Seite sind es die Konkurrenz und die Zeit. Die Kinder haben heute einfach weniger Zeit. Gerade die Sechs- bis Zehnjährigen sind heute fast alle bis nachmittags in der Schule – wofür es gute Gründe gibt. Am Nachmittag sind dann noch die Sportvereine und die Musikschule dran, und auch das sind wichtige Dinge. Bis das Kind aber beim Lesen Spaß hat, muss es das erst sehr, sehr gut können. Dabei muss es nicht nur verstehen, was es liest, sondern tatsächlich so schnell lesen, dass sich in ihm selbst Bilder und Gefühle aufbauen. Da müssen wir als Erwachsene uns klarmachen, dass es relativ lange dauert, bis Kinder diesen Punkt erreichen. Und in dieser Zeit, in der sie selbst noch nicht so gut lesen können, brauchen sie uns, ihre Eltern, Großeltern, Geschwister und Lehrer, die ihnen vorlesen. Im Idealfall lesen diese Bezugspersonen so lange weiter vor, bis das Kind irgendwann sagt, „Nö, das lese ich jetzt selbst“. Oder wenn es, in dem Moment, in dem sie abends aufhören vorzulesen, fragt: „Darf ich allein weiterlesen?“ Sie werden merken, wann der Zeitpunkt gekommen ist. Aber viele Eltern hören zu früh auf. Einfach, weil sie glauben, „Wenn ich jetzt aufhöre, dann liest er selber und übt dabei“ – nur: So funktioniert das leider nicht.

Wird heute weniger Wert auf Lesekompetenz im Elternhaus gelegt?

Kirsten Boie: Da gibt es riesige Unterschiede. Kinder aus Familien, in denen die Eltern selbst nicht gerne lesen, bringen die Erfahrung von zu Hause gar nicht mit. Andererseits erlebe ich in Familien, in denen die Eltern großen Wert darauflegen, dass ihre Kinder eine gute Bildung kriegen, dass ganz viel vorgelesen wird. Aber, und das darf man nicht vergessen: Viele Eltern lesen nicht nur nicht, sondern können gar nicht gut lesen. Wir haben hier in Deutschland einen relativ hohen Prozentsatz an Analphabeten. 7,3 % aller Erwachsenen4 mit Deutsch als Muttersprache haben nur geringe Lese- und Schreibfähigkeiten. Das bedeutet, sie können einen Text nicht sinnentnehmend lesen. Diese Eltern können ihren Kindern nicht vorlesen und die Kinder sehen ihre Eltern nie mit einem Buch in der Hand.

Eine positive Entwicklung beim Vorlesen ist übrigens, dass ich es immer mehr mit Vätern zu tun kriege, die vorlesen. Das waren früher ja hauptsächlich die Mütter – Lesen wurde oft als „Weiberkram“ abgetan. Heute erleb ich bei Lesungen, in Mails und meiner Post, dass es inzwischen ganz viele Väter gibt, die das schön finden und denen das Spaß macht. Das ist natürlich klasse und hilft gerade den Jungs enorm, wenn auch Papa mal zeigt, dass Lesen eine tolle Sache ist.

Was bedeutet Lesen für die Zukunft eines Kindes?

Kirsten Boie: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass, wenn Kinder mit zehn Jahren täglich in ihrer Freizeit lesen, ihre Noten in Deutsch und den Fremdsprachen im Schnitt um ein Viertel besser sind als die ihrer Mitschüler.5 In einer Studie aus den USA heißt es sogar, dass Lesen ein stärkerer Indikator für den Schulerfolg ist als der Intelligenzquotient. Das ist ein ganz spannendes Ergebnis! Denn es bedeutet, dass Lesen Kinder, um es ganz platt zu sagen, offensichtlich schlauer macht.

"Lesen fördert die Empathie."

Außerdem fördert es die Empathie, also die Fähigkeit, mich in andere einzufühlen. Das können prinzipiell zwar alle Menschen, damit sind wir geboren, aber jeder Mensch wird durch das Lesen von Büchern noch empathischer. Das ist ganz logisch: Der einzige Kopf, den ich von innen kenne, bei dem ich weiß, was vor sich geht, ist mein eigener. Alle anderen kenne ich nur von außen. Wir können versuchen, aus Mimik und Gestik zu erschließen, was der andere Mensch fühlt. So funktioniert das auch, wenn wir Figuren in Filmen beobachten. Aber wir sehen andere Menschen immer nur von außen. Wie es in den anderen Köpfen aussieht, erfahren wir nur in Büchern. In denen stehen dann so Dinge wie „Das machte Lena sehr traurig“. Ich erfahre etwas über die Gedanken und Gefühle in bestimmten Situationen. Ich erfahre etwas über das Innere von Köpfen. Und wenn ich in vielen Köpfen unterwegs gewesen bin, weil ich viele Bücher gelesen habe, dann ist es klar, dass ich eine bessere Vorstellung davon habe, was in anderen Menschen vor sich geht. Die Fähigkeit, sich in andere reinzudenken, ist für das Funktionieren einer Gesellschaft unabdingbar. Zum Beispiel, um sich in andere Bevölkerungsgruppen reinzudenken, in meinen Vorgesetzten oder auch in meinen Partner. Und natürlich wird auch die Rechtschreibung besser, genauso wie die Fähigkeit, sich differenzierter auszudrücken, aber das ist eigentlich selbstverständlich und auch bekannt.

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© Getty Images

Machen Bücher Kinder stark?

Kirsten Boie: Ich glaube ja. In jedem Fall stärker, als wenn sie nicht lesen würden. Durch das Lesen gewinnen Kinder eine selbst gewählte Rückzugsmöglichkeit in Situationen, in denen sie genau das brauchen. Sie sind ganz bei sich, anders als bei anderen Medien. In ihren Köpfen können aus kleinen, schwarzen Zeichen Bilder und Gefühle entstehen. Damit das passiert, muss ganz viel mit den eigenen Gefühlen und Erinnerungen gearbeitet werden. Das ist dem kleinen und auch dem großen Leser zwar gar nicht bewusst, aber so ist es. Das ist der Grund, weshalb Lesen auf diese ganz eigene Weise und Tiefe berühren, trösten und glücklich machen kann. Das passiert, wenn ich mich mit meinem Helden identifizieren kann, z. B. auch wenn es gerade mal nicht so toll läuft. Das hat dann etwas unendlich Ermutigendes. Wenn Bücher ermutigen, machen sie auch stark.

"Bücher können die Welt retten, Kinder auch."

Ich gebe mal ein konkretes Beispiel: Kinder und auch junge Erwachsene lesen gerne Fantasy. Guckt man, was all diese Fantasy-Bücher gemein haben, dann ist es der Held oder die Heldin, die am Ende ihre Gruppe oder gleich die ganze Welt rettet. Es gibt kaum Fantasy-Bücher, in denen dieses Motiv nicht auftaucht. Ich denke, dass das bei Kindern und Jugendlichen ein starkes Bedürfnis ist: Ich möchte die Sachen gutmachen, etwas retten. Gerade Jugendliche sind ja in einem Alter, in dem sie bemerken, die Erwachsenen machen auch nicht immer alles gut und richtig. Das ist etwas, das wir jetzt bei „Fridays for future“ sehen. Da gehen junge Menschen ihrem persönlichen und ganz starken Bedürfnis nach. Das finde ich sehr, sehr schön und wichtig.

Manchmal kommt es ja vor, dass die Eltern begeisterte Leser sind, aber das Kind so gar kein Interesse zeigt, selbst einmal ein Buch in die Hand zu nehmen. Haben Sie Tipps für Eltern von kleinen Lesemuffeln?

Kirsten Boie: Es ergibt keinen Sinn, sich nur darauf zu verlassen, dass das Kind schon irgendwann lesen wird. Oder zu sagen, „Naja, beim Lesen hast du halt einfach keinen Spaß“, und es hinzunehmen. Ich denke, man sollte versuchen, das Kind zu motivieren. Zum Beispiel indem man sagt: „Wenn du es schaffst, jeden Tag so und so viele Seiten zu lesen, dann gucken wir den und den Film.“ Dabei muss die Seitenanzahl für den kleinen Leser natürlich angemessen sein. Überforderung bringt hier nichts. Es gibt sicherlich unterschiedliche Ansätze, aber gerade in dieser Phase, in der es eben noch nicht so richtig viel Spaß macht, kann so ein kleiner Ansporn helfen. So können durchaus Wunder geschehen. Wichtig ist nur, dass das Kind das Buch aussuchen darf. Die Eltern müssen zulassen, dass es alleine entscheidet, und sollten nicht eingreifen mit Sätzen wie „Das fand ich als Kind so toll“. Ein Kinderbuch muss nicht den Ansprüchen der Eltern genügen, sondern denen der kleinen Leser.

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