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Ausgabe 01/2019
Work & Life 01/2019
Ehepaar startet in der Lebensmitte neu durch
© Vesnaandjic / Getty Images

Lebensgefühl Lebensmitte: Aufbruch statt Midlife-Crisis

Auch mit 40 oder 50 hat das Leben noch manche Überraschung parat: Expertin Antje Gardyan zu Herausforderungen und Chancen der zweiten Lebenshälfte.

Wer in jungen Jahren darüber nachdenkt, wie sein Leben mit Ende 30, Mitte 40 oder Anfang 50 aussehen wird, der hat oft die Vorstellung: In diesem Alter werde ich das Wichtigste geregelt haben – ich lebe in einer Partnerschaft, vielleicht mit Kindern, wohne in einem schönen Zuhause und habe einen Beruf, der mich erfüllt. Im Laufe der Jahre stellt sich jedoch meistens heraus, dass das Leben so manche Überraschung bereithält und wir nicht immer alle Fäden in der Hand haben. Antje Gardyan ist Coach und Autorin des Ratgebers „Worauf wartest du noch?“. Sie weiß, dass in der Lebensmitte heute bei den wenigsten Menschen Stagnation herrscht, und macht Mut, die Gestaltung der zweiten Lebenshälfte selbst in die Hand zu nehmen. Im Interview hat sie uns mehr darüber verraten.

Autorin Antje Gardyan
Coach Antje Gardyan
© Felix Matthies

Mobil-e: Frau Gardyan, inwiefern ist die Lebensmitte für viele Menschen eine Zeit der Veränderung und Neuorientierung?

Antje Gardyan: Die Lebensmitte ist ja kein Zeitpunkt, sondern eine Phase. Bei den meisten Menschen findet sie irgendwann im Alter zwischen 38 und 58 Jahren statt, bei den einen früher, bei den anderen später. Viele Menschen ziehen in dieser Lebensphase eine Bilanz: Was war gut, was weniger, was hat bisher gepasst, passt aber heute nicht mehr? Wann sich jeder Einzelne mit welchen Fragen beschäftigt, hängt stark von biografischen Faktoren ab, zum Beispiel wann man angefangen hat zu arbeiten, wann man geheiratet oder eine Familie gegründet hat oder wie alt und fit die Eltern sind. All das hat Einfluss darauf, ob und wann wir unser bisheriges Leben vielleicht etwas genauer unter die Lupe nehmen, aber auch, welche Fragen sich für die zweite Lebenshälfte stellen. Wohlgemerkt gibt es auch Menschen, die in der Lebensmitte noch immer völlig zufrieden mit ihrem einst eingeschlagenen Lebensweg sind. Das ist natürlich super – aber es trifft eben bei Weitem nicht auf alle zu. Und um jene geht es in meinem Buch und bei meinem Coaching.

Mobil-e: Warum stellen wir ausgerechnet in der Lebensmitte Gewesenes, aber auch Geplantes auf den Prüfstand?

Antje Gardyan: Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Generell haben wir in der Lebensmitte ein gewisses Zeitgefühl entwickelt – wir wissen, was wir schon alles erlebt und erreicht haben, aber auch, dass hoffentlich noch einige Jahre vor uns liegen, die wir nicht einfach nur so vorbeiplätschern lassen möchten. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gern den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, der sagte: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es aber vorwärts.“ Oft sind es äußere Anlässe, die dazu führen, dass wir uns in dieser Zeit mit unserem Leben auseinandersetzen. Das kann eine überraschende Kündigung sein, eine Trennung, eine Krankheit, aber auch die Krankheit oder Pflegebedürftigkeit der Eltern oder der Tod eines Elternteils. Ebenso gibt es Menschen, die in dieser Phase einfach eine gewisse innere Unruhe verspüren, ohne dass irgendetwas Besonderes passiert wäre. Sie spüren nur, dass sich ihr Leben irgendwie nicht mehr so passend anfühlt, ohne das genau verorten zu können.

Mobil-e: Ist das ein neues Phänomen?

Antje Gardyan: Das Phänomen selbst ist nicht unbedingt neu, in früheren Generationen wurde ihm nur weniger Beachtung geschenkt. Es war zum Beispiel viel üblicher als heute, vom Berufsbeginn bis zur Rente in einem Beruf und oft sogar im selben Unternehmen zu arbeiten. Es wurde einfach nicht infrage gestellt, ob man sich damit noch wohlfühlt. Ähnlich war es mit Partnerschaften – man hatte die Entscheidung für einen Menschen getroffen und hielt zusammen, auch wenn es nicht immer das pure Glück war. Zweifel wurden oftmals unterdrückt. Das alles möchte ich gar nicht bewerten, aber die Zeiten haben sich geändert. Heut ist es gang und gäbe, in seiner beruflichen Laufbahn mehrmals den Arbeitgeber zu wechseln, noch mal in einem anderen Beruf zu arbeiten oder sich selbstständig zu machen. Auch Ehen halten längst nicht mehr ein Leben lang. All das hat dazu geführt, dass wir viel häufiger als unsere Eltern und Großeltern in der Lebensmitte unser Leben neu kalibrieren.

Mobil-e: Wie geht man am besten mit einer solchen Situation um?

Antje Gardyan: Meist überrumpeln uns die Fragen der Lebensmitte völlig unerwartet, denn in unserer Gesellschaft wird noch immer erstaunlich wenig darüber gesprochen. Spannend ist es dann, genau hinzuschauen: Worum geht es mir eigentlich? Oft kommt das Gefühl der Unzufriedenheit ja ganz diffus daher. Man muss dann ein wenig Sherlock Holmes spielen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Es kann zum Beispiel sein, dass man das Gefühl hat, nur für seinen Job zu leben – und das war bislang okay, doch nun wird es einem zu viel. Beim Nachdenken hierüber fällt einem aber vielleicht auch auf, dass man sich in der Stadt, in die man wegen des Jobs gezogen ist, gar nicht wohlfühlt und man lieber wieder in die alte Heimat ziehen möchte. So kann die Auseinandersetzung mit der Unzufriedenheit zu ganz anderen Konsequenzen führen, als man zu Beginn gedacht hat.

Mobil-e: Früher sprach man oft von einer Midlife-Crisis, wenn sich ein Mann mit 50 eine junge Freundin oder ein teures Auto zulegte. Kommt das heute nicht mehr vor?

Antje Gardyan: Die sogenannte Midlife-Crisis gibt es natürlich immer noch. Sie erwischt vor allem Menschen, die es unbequem finden, sich mit Problemen auseinanderzusetzen. Stattdessen kompensieren sie schlechte Gefühle mit einem teuren Auto, exzessivem Sport, Schönheits-OPs oder eben der jungen Geliebten. Natürlich kann es sich auch um ein echtes Interesse an Autos, Fitness oder der Geliebten handeln, aber in vielen Fällen dienen diese Aktivitäten eher dazu, eine echte Reflexion zu vermeiden. Ich stelle allerdings fest, dass es eine wachsende Bereitschaft gibt, sich mit seinen ambivalenten, in Teilen negativen Gefühlen auseinanderzusetzen. Es gibt heute mehr Offenheit, was auch damit zusammenhängt, dass sich die Gesellschaft stark wandelt. Veränderungen in jeglicher Hinsicht sind heute gegenwärtig, ich nenne nur das Beispiel Digitalisierung, die sich vor allem in der Arbeitswelt niederschlägt. So sind Unternehmen wie Arbeitnehmer aktuell gezwungen, sich neu zu sortieren. Vieles können wir selber beeinflussen, aber oft weniger, als wir denken. Das merken wir dann erst, wenn eine Krise von außen eintritt und uns unvorbereitet erwischt.

Mobil-e: Und was kann man dann tun?

Antje Gardyan: Ich bin niemand, der behauptet, man solle in jeder Krise sofort das Positive, die darin verborgene Chance erkennen. Krisen sind erst mal unangenehm, und ich habe viel Verständnis für Ausweichbewegungen jeder Art. Aber: Die Themen, die sich jetzt stellen – im Beruf, mit dem Partner, mit der Herkunftsfamilie oder mit den eigenen Kindern –, sind kleine oder manchmal auch größere Weckrufe, dass es Zeit ist, Rahmenbedingungen des Alltags, Spielregeln im Miteinander oder Inhalte unseres Tuns zu verändern.

Raus aus der Krise: Orientierungspunkte für die zweite Lebenshälfte

Antje Gardyan hat uns sieben Wegweiser verraten, die Menschen in der Lebensmitte dabei helfen können, durch turbulente Zeiten zu navigieren und zu erkennen, wie es in der zweiten Lebenshälfte weitergehen könnte.

  1. Ob Kündigung, Trennung oder Krankheit: Versuchen Sie nicht, alles mit sich selbst auszumachen. Holen Sie sich praktische Hilfe und seelischen Beistand – sei es durch einen Anwalt, einen Psychologen, Freunde oder Familie. Sie werden Ihre Kraftreserven noch brauchen, denn die Umbrüche in der Lebensmitte sind ein Marathon und kein Sprint.
  2. Bewahren Sie einen kühlen Kopf und vermeiden Sie das Extreme – im ersten Moment mag es sich gut anfühlen, aus Stolz eine Abfindung auszuschlagen oder aus Wut etwas zu zerstören, doch oft schlägt man damit auch eine wichtige Tür zu und bereut es später.
  3. Akzeptieren Sie eine Phase der Orientierungslosigkeit. Ganz gleich, ob äußere Ereignisse oder innere Unzufriedenheit zum Umbruch geführt haben – es ist völlig normal, nicht gleich zu wissen, wie es weitergehen soll. Gönnen Sie sich diese Zeit im „Niemandsland“.
  4. Probieren Sie etwas Neues aus. Besuchen Sie einen Vortrag über ein Thema, das Sie interessiert, engagieren Sie sich ehrenamtlich, wo Sie es wichtig finden, oder tun Sie etwas anderes, worauf Sie schon immer Lust hatten: Musik machen, Sport treiben oder ein anderes Café als sonst besuchen – das eröffnet neue Perspektiven, bringt Sie vielleicht mit interessanten Leuten zusammen und ergänzt schöne Erinnerungen an alte Zeiten um schöne Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit.
  5. Verschaffen Sie sich Zeit für Denkarbeit. Surfen Sie nicht auf jeder Busfahrt im Internet und lassen Sie abends mal den Fernseher ausgeschaltet, um Ihre innere Stimme besser wahrnehmen zu können.
  6. Schauen Sie genau hin. Wichtig ist, sich klarzumachen, worin die Unzufriedenheit begründet ist. Wer weiß, dass er am Punkt A steht, aber nach B möchte, hat schon viel gewonnen. Das Ziel ist bekannt – es geht nun darum, den Weg zu gestalten.
  7. Wagen Sie den Aufbruch. Niemand kann Ihnen abnehmen, Ihre Erkenntnisse irgendwann in die Tat umzusetzen, denn Wege entstehen nun einmal beim Gehen. Das ist nicht immer einfach und bequem, aber es lohnt sich, denn es fühlt sich besser an, sein Leben selbst zu gestalten, als ein von anderen Menschen gestaltetes Leben zu führen.

Verlosung: „Worauf wartest du noch?“

Buchcover Worauf wartest du noch
© rororo

In ihrem unterhaltsam geschriebenen Handbuch „Worauf wartest du noch?“ reflektiert Antje Gardyan zehn verschiedene Perspektiven auf die Lebensmitte und ebnet mit 50 klugen Wegweisern den Pfad für den eigenen Aufbruch. Wir verlosen drei Exemplare des informativen Ratgebers. Nutzen Sie Ihre Chance, indem Sie einfach das Gewinnspielformular ausfüllen. Teilnahmeschluss ist der 30.04.2019. Wir drücken Ihnen die Daumen.

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