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Familie 01/2018
Selbstsichere Kinder haben zusammen Spaß
© Rawpixel / Getty Images

Fürsorge und Loslassen: So finden Eltern das richtige Maß

Wie gelingt es Eltern, ihr Kind zu behüten und zugleich seine Selbstständigkeit zu fördern? Experte Prof. Dr. Elmar Drieschner gibt Tipps.

Wie erziehe ich mein Kind zur Selbstständigkeit? Wo zeige ich Grenzen auf? Und was läuft falsch, wenn der Sprössling partout nicht selbstständig werden will? Das sind Fragen, mit denen sich alle Eltern früher oder später konfrontiert sehen. Natürlich gehört es zum Großwerden, dass das Kind immer mehr allein schaffen will. Gleichzeitig möchten Mama und Papa den Nachwuchs möglichst umfassend behüten. Wie gelingt dieser Balanceakt? Prof. Dr. Elmar Drieschner von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg ist Experte für frühkindliche Erziehung und hat uns mehr darüber verraten.

Mobil-e: Herr Prof. Drieschner, haben Kinder einen inneren Drang zum selbstständigen Handeln oder liegt es an den Eltern, die Selbstständigkeit zu fördern?

Prof. Dr. Elmar Drieschner: Sowohl als auch. Zur genetischen Grundausstattung des Kindes gehört das sogenannte Explorationsverhalten, also ein innerer Drang, die Umgebung zu erkunden. Dieses Verhalten hängt jedoch eng mit dem Bindungsverhalten zusammen: Erst wenn das Kind sich sicher fühlt, traut es sich, die Welt zu erkunden. Die Eltern müssen dem Kind sozusagen die Gewissheit vermitteln, dass es immer in den sicheren Hafen zurückkehren kann, wenn es seine soziale und materielle Umwelt erkundet. Das Verhältnis von Bindung und Exploration ändert sich dabei abhängig von der Entwicklung des Kindes, es muss also ständig neu ins Gleichgewicht gebracht werden. So nimmt das Bedürfnis nach Exploration durchschnittlich im Alter von zwei bis drei Jahren plötzlich rasant zu. In dem Alter treten eigenständige Willensbekundungen auf einmal gehäuft auf. Das hängt mit dem Bestreben zusammen, Dinge zunehmend selbstständig zu tun, aber auch die Grenzen des eigenen Einflusses auszuloten.

Mobil-e: Wie können Eltern das Kind bei diesem Prozess unterstützen?

Prof. Dr. Elmar Drieschner: Bewährt hat sich ein sogenannter autoritativer Erziehungsstil. Dieser setzt dem Kind Verhaltensgrenzen, die seiner Entwicklung entsprechen, lässt ihm aber auch einen geschützten Freiraum für die Umsetzung seiner Explorationsbedürfnisse, Wünsche und Interessen. Also: Eltern geben dem Kind die Regeln zwar vor, begründen diese aber in Abhängigkeit von den Verstehensvoraussetzungen des Kindes auch. Das Kind soll nicht einfach blindlings gehorchen, sondern mehr und mehr verstehen. Irgendwann kann es dann aus eigenem Willen das Richtige tun. Wenn das Kind älter ist, können die Eltern neue Regeln mit dem Kind auch gemeinsam entwickeln. Die Erziehungsstilforschung hat gezeigt, dass autoritativ erzogene Kinder über höhere geistige und soziale Fähigkeiten sowie über ein höheres Selbstwertgefühl verfügen.

Mobil-e: Ab wann kann man Kindern wie viel zutrauen?

Prof. Dr. Elmar Drieschner: Die Meinung hierzu hat sich in der Vergangenheit stark gewandelt. Emnid-Umfragen zur Entwicklung von Erziehungszielen in der Familie zeigen, dass noch in den 1950er Jahren „Ordnungsliebe“, „Fleiß“, „Unterordnung“ und „Gehorsam“ als wichtige Erziehungsziele galten. Seit den 1980er Jahren rangieren „Selbstständigkeit“ und „freier Wille“ schichtübergreifend als zentrale Erziehungswerte ganz oben. Der Nachwuchs darf meist viel eher bei Freizeitgestaltung, Kleidung und ähnlichen Themen mitbestimmen. Dies ist sicher ein kultureller Fortschritt. Eltern sollten sich aber bewusst sein, dass Kinder zwar mit dem Großwerden immer selbstständiger agieren wollen und können, dafür aber auch bis ins Jugendalter Anregung, Unterstützung, Zuwendung, Verlässlichkeit, emotionalen Rückhalt und Förderung benötigen. Ab wann genau man dem Kind wie viel zutrauen kann, lässt sich jedoch nicht allgemein sagen, da sich die Fähigkeiten und Bedürfnisse jedes Kindes unterschiedlich entwickeln. Es ist also eine hohe Feinfühligkeit seitens der Eltern gefragt.

Mobil-e: Warum fällt es Eltern oft schwer, das richtige Maß aus Fürsorge und Loslassen zu finden?

Prof. Dr. Elmar Drieschner: Das hängt oft mit ihren eigenen Kindheitserfahrungen und ihrem Lebenslauf insgesamt zusammen. Langzeitstudien zeigen, dass Bindungsmuster eine gewisse Kontinuität im Lebenslauf von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter aufweisen. Dennoch sind sie veränderbar, beispielsweise durch neuartige Bindungserfahrungen. Die als Kind erworbenen und dann weiterentwickelten Bindungsmuster von Erwachsenen haben Einfluss auf die eben erwähnte Feinfühligkeit. Eltern sollten sich also die eigenen Bindungs- und Erziehungserfahrungen vor Augen führen, um nicht blind autoritäre, überbehütende, zu stark leistungsorientierte oder ähnliche negative Erziehungshaltungen nachzuahmen.

Mobil-e: In welche Fallen tappen Eltern oft bei der Erziehung zur Selbstständigkeit?

Prof. Dr. Elmar Drieschner: Häufig stellen Eltern zu hohe Perfektionsansprüche an ihre Kinder. Die meisten wollen, dass sich ihr Kind möglichst optimal entwickelt und Erfolg in der Schule, beim Sport oder bei musisch-kreativen Freizeitaktivitäten hat. Optimale Förderung ist zwar Aufgabe der Eltern, aber beruhend auf Liebe ohne Leistungsanspruch. Nur so können sie ihnen wirklich die psychische Sicherheit geben, selbstständig ihren Weg zu gehen und sich selbst langfristig mit allen Stärken und Schwächen anzunehmen. Ein weiterer entscheidender Fehler: Dem Kind wird vermittelt, dass es einer Aufgabe nicht gewachsen ist. Wenn man ihm ständig sagt, dass es etwas nicht kann oder versteht, wirkt sich das negativ auf die Ausbildung von Könnenserfahrungen, Selbstvertrauen und Kontrollüberzeugungen aus. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer erlernten Hilflosigkeit. Viel besser ist es, das Kind angemessen kognitiv anzuregen und bei Herausforderungen ohne vorwegnehmende Hilfe zu unterstützen. Unter diesen Voraussetzungen empfindet das Kind seinen Erfolg als eigene Leistung, wodurch sein Selbstkonzept und seine Selbstwirksamkeitserwartungen nachhaltig gestärkt werden.

Mobil-e: Haben Sie weitere Tipps, wie Eltern die Selbstständigkeit ihrer Kinder fördern können?

Prof. Dr. Elmar Drieschner: Eine zentrale Herausforderung in früher Kindheit ist sicher der Eintritt in eine Kindertagesstätte. Die Eingewöhnungsphase ist oft von starken, gemischten Gefühlen begleitet. Das Kind ist voll Neugier und Vorfreude, es empfindet häufig aber auch Angst und muss den Schmerz der Trennung von den Eltern bewältigen. Für die meisten Eltern ist es ebenfalls belastend, ihr Kind das erste Mal in der Kita alleine zu lassen. Wichtig ist, dass sie ihre ambivalenten Gefühle für sich bearbeiten und dem Kind nicht zeigen. Vielmehr sollten sie das Kind während der Eingewöhnung konsequent unterstützen. Denn die Eltern erfüllen die Funktion einer sicheren Basis, von der aus sich das Kind mit der Kita vertraut macht. Sie sollten das Kind bei der Beziehungsaufnahme mit den Erziehern und anderen Kindern ermutigen und sich dann allmählich zurückziehen. Der Schritt zur Selbstständigkeit ist erfolgreich gemacht, wenn an die Stelle des Trennungsschmerzes „Kita-Lust“ tritt, wenn das Kind also die Angebote der Kita annehmen und in soziale Austauschprozesse mit anderen Erwachsenen und Kindern treten kann. Ein weiteres Beispiel: Das Kind möchte mit einer Sportart beginnen, weiß aber noch nicht welche. Mit Blick auf das Erziehungsziel Selbstständigkeit sollte es die Entscheidung selbst treffen. Dabei wiederum braucht es die Unterstützung seiner Eltern. Für manche Kinder sind Individualsportarten am besten geeignet, andere hingegen sind in einem Mannschaftssport ideal aufgehoben. Für die einen kommt Ausdauer-, für andere Geschicklichkeitssport infrage. In jedem Fall sollten Eltern ihr Kind zum Probetraining begleiten und danach gemeinsam darüber sprechen, um so herauszufinden, ob die sportlichen Interessen und Ziele des Kindes zur getesteten Sportart passen.

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Tipp

Das Leben mit Kindern ist bunt, vielfältig und aufregend – es stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen und wirft so manche Frage auf. Viele davon beantworten wir auch in unserer neuen Rubrik Kinderwelt. Klicken Sie doch einmal rein.

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