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Feinfühligkeit im Kindergartenalter

Das Verhalten von Kindergartenkindern erscheint uns Erwachsenen oft verwirrend: War der Sprössling gerade noch anhänglich und verschmust, fordert er Minuten später lauthals ein, ganz ohne Hilfe die Jacke anzuziehen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Was steckt dahinter und wie gehen Sie am besten damit um? Wir haben hilfreiche Tipps zusammengestellt.

Die kindlichen Bedürfnisse ändern sich mit der Entwicklung

Der erste und wichtigste Schritt, um auf das zunächst oft widersprüchlich wirkende Verhalten seines Kindes angemessen reagieren zu können, lautet: Versuchen Sie, es zu verstehen. Dazu ist es hilfreich zu wissen, dass jedes Kind in den ersten Lebensjahren verschiedene Entwicklungsphasen durchläuft. Etwa bis zum Alter von drei Jahren sind Kinder noch sehr auf ihre engsten Bindungspersonen fixiert und brauchen viel Körperkontakt zu ihnen, um sich sicher zu fühlen. Das ändert sich im Alter zwischen drei und sechs Jahren: Diese Entwicklungsphase ist geprägt von einem ständigen Schwanken zwischen dem Wunsch nach Nähe und Unterstützung und dem immer stärker werdenden Wunsch, Dinge selbst anzupacken, zu entdecken und zu lösen. Für die Entwicklung eines Kindes sind diese beiden Grundbedürfnisse existenziell.

 

Bindung und Freiheit – Kindergartenkinder brauchen beides

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Zur genetischen Grundausstattung des Kindes gehört ein innerer Drang, die Umgebung zu erkunden – das sogenannte Explorationsverhalten. Dieses Verhalten hängt wiederum eng mit dem Bindungsverhalten zusammen: Erst wenn das Kind sich sicher fühlt, traut es sich, seiner Neugier tatsächlich zu folgen. „Bindung erfüllt somit immer eine Doppelfunktion, nämlich einerseits das Trösten bei Überforderung und andererseits das Unterstützen des Erkundungsdrangs“, erklärt Diplom-Psychologin Dr. Julia Berkic vom Staatsinstitut für Frühpädagogik. Als Eltern sollten Sie ihrem Kind deshalb die Gewissheit vermitteln, dass Sie ihm während seiner Erkundungen jederzeit einen sicheren Hafen bieten, in den es bei Angst und Unsicherheit zurückkehren kann, um Schutz und Geborgenheit zu erfahren.

 

Den Umgang mit Gefühlen lernen

Eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern besteht darin, den Nachwuchs zu ermutigen, frei über seine Gefühle zu sprechen – das hilft Kindern dabei, ihre Gefühle zu verstehen und einzuordnen. Gleichzeitig machen sie die Erfahrung, dass sie ihre Gefühle auch mit anderen teilen können. Sie erkennen, dass sich Gedanken und Gefühle verändern lassen und selbst intensive Gefühle zu bewältigen sind. So lernen sie, Gefühle besser auszuhalten und nicht unreflektiert in Handlungen überschlagen zu lassen. Das Kindergartenalter ist eine besonders wichtige Entwicklungsphase für das Erlernen dieser Fähigkeiten.

Feinfühliges Verhalten beinhaltet, die Signale des Kindes wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und prompt sowie angemessen darauf zu reagieren und die Kinder zu unterstützen, ihre Gedanken und Gefühle sprachlich zum Ausdruck zu bringen.

Die Welt mit den Augen des Kindes sehen

Für Eltern werden die Gefühle und das Verhalten ihrer Kinder oft viel verständlicher und damit annehmbarer, wenn sie versuchen, sich in das Kind hineinzuversetzen, um die Welt mit seinen Augen zu sehen. Dieser Perspektivenwechsel hat gleichzeitig zur Folge, dass das Kind sich in seinem emotionalen Erleben wahrgenommen fühlt und so besser lernt, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Kinder, die diese Erfahrung machen, verhalten sich deutlich kooperativer als Kinder, deren Gefühle falsch verstanden oder gar ignoriert werden.

Mehr Gelassenheit statt Leistungsdruck

„Jedes Kind ist richtig, wie es ist!“

Dr. Julia Berkic

Ein Patentrezept für „richtiges Verhalten in jeder Situation“ gibt es nicht – man muss die Individualität jedes Kindes berücksichtigen. Dr. Julia Berkic betont: „Jedes Kind ist richtig, wie es ist!“ Falls sich also Ihr Kind in der Gesellschaft von andern Kindern am wohlsten fühlt, sollten Sie ihm nicht vorwerfen, dass es sich nie alleine beschäftigen kann. Und ist es eher schüchtern, so drängen Sie es nicht ständig, sich am Spiel fremder Kinder zu beteiligen. Denn: Durch solche – oft gut gemeinten – Versuche entsteht bei Jungen und Mädchen in diesem Alter leicht das Gefühl, sie seien nicht in Ordnung, wie sie sind. Das führt dazu, dass sie sich für ihre Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse schämen, was die Entwicklung eines stabilen Selbst- und Identitätsgefühls erheblich beeinträchtigen kann.

Feinfühliges Verhalten in der Praxis

Im Alltag ist es für Eltern nicht immer leicht, feinfühlig zu sein. Deshalb mahnt die Diplom-Psychologin: „Feinfühligkeit ist kein Leistungssport. Verlangen Sie nicht zu viel von sich. Niemand ist immer perfekt – ein Optimierungswahn ist hier fehl am Platz.“ Im Folgenden hat Dr. Julia Berkic auf den Punkt gebracht, wie Eltern feinfühliges Verhalten in fünf Schritten umsetzen können:

 

  • Was fühlst Du?
    Helfen Sie dem Kind, seine Gefühle und Bedürfnisse zu verstehen und in Worte zu fassen.
  • Es ist okay, was Du fühlst
    Nehmen Sie die Gefühle des Kindes ernst. Vermeiden Sie, die Gefühle zu bewerten oder herunterzuspielen. Unterstützen Sie das Kind aktiv dabei, die Gefühle zu bewältigen. Dies gilt insbesondere für den Umgang mit negativen Gefü̈hlen.
  • Ich fühle mit Dir – aber ich bleibe bei mir
    Stellen Sie eine Verbindung zum Gefühlsleben des Kindes her, aber heben Sie nicht die Grenze zwischen Ihnen und dem Kind auf. Das Kind muss spüren, dass Sie seine Verzweiflung ernst nehmen, aber gleichzeitig nicht selbst auch anfangen zu verzweifeln. Trauen Sie dem Kind zu, dass es die Gefühle mit Ihrer Unterstützung aushalten und bewältigen kann.
  • Ich nehme alles ernst, aber nicht alles geht
    Die Gefühle des Kindes ernst zu nehmen, bedeutet nicht, jedes Verhalten des Kindes zu akzeptieren – etwa, wenn das Kindergartenkind eifersüchtig auf das kleine Geschwisterkind reagiert.
  • Jeder Mensch hat seine eigenen Gefühle
    Bleiben Sie authentisch und zeigen Sie auch Ihre eigenen Gefühle in einer, dem Alter und Entwicklungstand des Kindes, angemessenen Weise.

Kostenlose Beratungsangebote für Eltern

Das Onlineberatungsangebot für Eltern der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung bietet Eltern, die Fragen rund um das Thema Erziehung haben, psychologische Unterstützung – egal, ob in der Einzelberatung oder im Gruppenchat. Telefonische Hilfe bei familiären Sorgen und Problemen hält die Nummer gegen Kummer für Eltern bereit. Wählen Sie einfach die kostenlose Hotline: 0800 1110550. Weitere Kontakt- und Beratungsstellen für psychologische und auch medizinische Fragestellungen – nicht nur für Eltern – haben wir auf unserer Website unter www.bkk-mobil-oil.de/med-dienste zusammengestellt.

 

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