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Kinder und Antibiotika

Ärzte in Deutschland verordnen Kindern deutlich mehr Antibiotika als Erwachsenen. Arzneimittel-Experte und Gesundheitsökonom Professor Dr. Gerd Glaeske spricht im Interview mit „Mobil-e“ über falsche Behandlungen und den richtigen Einsatz von Antibiotika.

Antibiotika helfen nur gegen Bakterien – dennoch verschreiben Ärzte sie vor allem Kindern besonders oft auch bei Virusinfektionen. Das ist nicht nur unnötig, sondern kann auch zum ernsthaften Problem werden. Zum Beispiel, wenn der Körper durch eine zu häufige und zu lange Verabreichung eine Antibiotikaresistenz gegenüber bestimmten Bakterien entwickelt. Unter dem Motto „Solange sie noch wirken – Antibiotika für Kinder“ sprach Gerd Glaeske, Professor für Arzneimittel-Versorgungsforschung am Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) in Bremen, im Rahmen des 6. Gesundheitstages der BKK Mobil Oil darüber, in welchen Fällen Antibiotika bei Kindern wirklich effektiv und angebracht sind. Wir haben am Rande der Veranstaltung die Gelegenheit für ein Interview mit dem Experten genutzt.

Das Immunsystem von Kindern scheint gerade in den ersten Lebensjahren viel zu tun zu haben. Herr Professor Glaeske, sind Kinder tatsächlich häufiger von Erkältungskrankheiten betroffen als Erwachsene?

Das ist in der Tat so. Jahr für Jahr leiden etwa 58 % der unter Fünfjährigen an einer akuten Infektion der oberen Atemwege. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das nur bei 19 % der Männer bzw. bei 23 % der Frauen der Fall. Anders ausgedrückt: Kinder können pro Jahr sechs bis zwölf Atemwegsinfekte und Erkältungskrankheiten durchlaufen, bei Erwachsenen sind es nur zwei bis vier.

Wie werden diese Infekte am besten behandelt?

Das kommt ganz auf den Erreger an. 90 bis 95 % der Erkältungskrankheiten werden durch Viren hervorgerufen. Diese Erkrankungen behandelt man am besten symptomatisch. Das bedeutet beispielsweise die Gabe eines Schmerzmittels oder auch die Anwendung eines Nasensprays, wenn die Nasenatmung behindert ist. Linderung bringen auch ein heißer Tee oder pflanzliche Hustensäfte mit Thymian- oder Efeuextrakt. Leider ist es aber zumeist nicht so, dass die Erkrankung damit schneller vorbei ist, die Symptome werden aber gelindert. Antibiotika helfen dagegen nur, wenn beispielsweise eine bakterielle Lungen- oder Mandelentzündung vorliegt. Gegen Viren können sie nichts ausrichten.

Aber wenn das Nasensekret oder der abgehustete Schleim gelb oder grün ist, müssen doch sicherlich Antibiotika gegeben werden?

Nein, auch dann haben Antibiotika keinen Nutzen, es sei denn, es hat sich eine sogenannte bakterielle Suprainfektion auf der virusbedingten Infektion „aufgesetzt“. Das kann der Fall sein, nachdem ein Kind schon einige Tage an den Infektionen der oberen Atemwege leidet. In solchen Fällen würde dann ein Antibiotikum verordnet werden.

Und was raten Sie bei Fieber?

Bei einer erhöhten Körpertemperatur von bis zu 38,5 Grad sollten keine fiebersenkenden Mittel gegeben werden, weil das Immunsystem bei einer erhöhten Körpertemperatur angeregt wird, sich mit der Infektion auseinanderzusetzen. Wenn die Körpertemperatur höher steigt, sollte ein Kinderarzt konsultiert werden, weil dann vielleicht eine bakterielle Infektion vorliegt und das Fieber gesenkt werden sollte.

Können Antibiotika schaden?

Ja, wie bei jedem anderen Medikament auch muss man den Nutzen gegen einen möglichen Schaden abwägen. Die unerwünschten Wirkungen wie beispielsweise Durchfälle oder auch allergische Reaktionen verlaufen in den meisten Fällen recht milde. Riskant ist aber die Gefahr der Entwicklung einer Antibiotikaresistenz bei bestimmten Bakterien, wenn die Mittel unnötig und unnötig lange gegeben werden. Schwere bakterielle Infektionen, die dringend mit Antibiotika behandelt werden müssten, sind dann unter Umständen nicht mehr beherrschbar.

Und wie sieht es bei einer Mittelohrentzündung aus? Ist es nicht besser, antibiotisch zu behandeln, wenn das Kind starke Schmerzen hat?

Die antibiotische Therapie hat nur in wenigen Fällen einen Nutzen, etwa bei ganz kleinen Kindern, sehr hohem Fieber oder wenn andere Grunderkrankungen vorliegen. Die Schmerzproblematik selbst wird durch Antibiotika fast gar nicht positiv beeinflusst. Wirksam ist dagegen in den ersten beiden Tagen die Gabe eines Schmerzmittels wie Ibuprofen oder Paracetamol. Nach dieser Zeit hat sich die Mittelohrentzündung dann schon wieder gebessert. Viele Ärzte geben den Eltern auch ein „Bedarfsrezept“ mit, das sie erst einlösen müssen, wenn sich der Zustand unter einer Schmerztherapie nicht bessert oder gar verschlimmert. Aus Studien weiß man, dass diese Rezepte dann oft gar nicht mehr eingelöst werden (müssen). Wenn zu schnell Antibiotika bei einer Mittelohrentzündung gegeben werden, kann es sein, dass die Kinder viel häufiger unter einer Mittelohrentzündung leiden als Kinder, die, wie hier empfohlen, in den ersten Tagen mit Schmerzmitteln behandelt werden.

Helfen denn wenigstens Ohrentropfen und wenn ja, welche?

Die Schmerzen sitzen ja im Mittelohr und bis dahin dringen die Ohrentropfen gar nicht vor, da das Trommelfell eine Barriere bildet. Ohrentropfen sind also nur sinnvoll bei Schmerzen und Entzündungen des äußeren Gehörgangs.

Auf dem Gesundheitstag haben wir die Eltern befragt, wie häufig ihre Kinder in den letzten zwölf Monaten ein Antibiotikum verordnet bekamen. Das Ergebnis: 19 von 51 Kindern wurden antibiotisch behandelt, vier Kinder davon sogar mehrmals. Das ist mehr als jedes dritte Kind. Wenn Eltern den Eindruck haben, dass der Kinderarzt zu häufig Antibiotika verordnet, was können sie dann tun?

Zunächst erst mal mit dem Arzt sprechen und fragen, ob ein Antibiotikum wirklich notwendig ist. Aus Interviews mit Ärzten zu diesem Thema weiß man nämlich, dass Antibiotika oft verordnet werden, weil der Arzt denkt, die Eltern würden dies wünschen. Die Eltern wiederum sehen das oftmals ganz anders. Hier liegt also offenbar ein Kommunikationsproblem vor.

Ja, das haben wir bei unserer Befragung auch festgestellt. Von 35 Eltern, die uns geantwortet haben, hat nur ein Elternpaar schon einmal auf einer Antibiotika-Verordnung bestanden. Wenn doch einmal ein Antibiotikum notwendig ist, worauf sollte man achten?

Kinder bekommen das Antibiotikum häufig als Pulver verordnet, das vor der Anwendung mit Wasser als Saft zubereitet werden muss. Das muss man sehr sorgfältig machen, da sonst die Dosierung nicht stimmt. Im Zweifel kann man die Apotheke bitten, diese Lösung zuzubereiten. Danach muss der Saft meistens im Kühlschrank aufbewahrt werden. Es ist sehr wichtig, dem Kind das Antibiotikum so lange zu geben, wie es der Arzt verordnet hat, und nicht auf eigene Faust die Einnahme zu beenden. Verbleibt nach dem Ende der Behandlung trotzdem noch ein Rest, sollte dieser über den Hausmüll, keinesfalls aber über die Toilette entsorgt werden. So verhindert man, dass das Trinkwasser mit solchen Antibiotikaresten belastet wird.

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